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03.11.2017, aktual. 07.06.18, HHW
Zu diesem Thema gibt es viele lesens- und beachtenswerte Artikel, Empfehlungen und Leitlinien, auf die wir gerne verweisen (siehe **), auch wenn wir zu einigen, der dort gemachten Vorschläge eine abweichende Meinung haben.
Wir versuchen überwiegend geschlechtsneutral zu schreiben; das gefällt uns sprachlich nicht immer. Aber auch die gleichzeitige Verwendung der weiblichen und männlichen Personenbezeichnung (neudeutsch: gendergerechte Schreibweise) wirkt oftmals bemüht und holprig. Deswegen verzichten wir zugunsten leichterer Lesbarkeit dort, wo es u. E. nicht zwingend erforderlich ist, auf geschlechtsspezifische Unterscheidung; wir ziehen also einen kürzeren Text einer Textaufblähung (z. B. durch eine Schreibweise wie "die Kundin/der Kunde, die/der ...") vor.
Wenn wir z. B. von "den Besuchern" sprechen, sind damit gleichberechtigt weibliche und/oder männliche Personen gemeint. Die Alternative zu "die Besucher" wäre z. B. "Besucherinnen und Besucher" oder neutral "die Besuchenden"; beide Alternativen gefallen uns nicht besonders. Im Englischen ist es einfacher, man kennt solche Sprachverrenkungen nicht. Für unser Beispiel gibt es nur "the visitor" im Singular bzw. "the visitors" im Plural.

** Verweise auf lesenswerte Artikel (Webseiten bzw. PDF-Downloads)
1) LMU München: Leitfaden gendergerechte Sprache
2) Uni Köln, Gleichstellungsbeauftragte: Geschlechtergerechte Sprache (pdf)
3) HS Emden/Leer, Gleichstellungsstelle: Leitfaden geschlechtergerechte Sprache (pdf)
4) KHSB Berlin: Leitfaden für eine geschlechtersensible Sprache (pdf)
5) Uni Bern: Linguistik online - Geschlechtsspezifische Formulierungen in Stellenangeboten (pdf)
6) Wikipedia: Geschlechtergerechte Sprache
7) Süddeutsche Zeitung vom 07.06.18: Gastbeitrag der Linguisten Damaris Nübling und Henning Lobin: Tief in der Sprache lebt die alte Geschlechterordnung fort

Anmerkung
Bei der Vorbereitung zum obigen Hinweis war uns am 02.11.2017 auf einer Webseite, bei der ein Professor Dr. als inhaltlich Verantwortlicher benannt ist, folgender (unsinniger) Hinweis aufgefallen:
"Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird auf die geschlechtsneutrale Differenzierung, z.B. Landschaftspfleger/Innen, verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter."

Wir haben dann kurz recherchiert, ob es zu der Suchphrase "geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet" im Netz weitere Fundstellen gibt, und wurden - mal wieder - nicht enttäuscht 😊.

Viele deutsche Webseitenbetreiber (oder deren Ersteller) sind anscheinend angetan davon, von anderen Webseiten etwas zu kopieren (oder sollte man das "klauen" nennen?) und ohne das Kopierte kritisch zu prüfen (also selbst mal nachzudenken!), es dann auf der eigenen Seite (oder der Seite, an der man arbeitet) einzufügen.
Was veranlasst uns zu dieser Mutmaßung?

Solche Unsinnsphrasen (bzw. Abwandlungen davon) findet man auf einer Vielzahl deutscher Internetseiten. Überzeugen Sie sich selbst, suchen Sie nach "geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet".
Google liefert (Stand. 05.12.17) gleich auf Seite 1 der Suchergebnisse u. a. den Link zur Impressumseite der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH (WFBB). Was können Sie dort lesen?

Screenshot zum Absatz <<Geschlechtsneutrale Schreibweise>> der WFBB-Impressumseite vom 05.12.17
Screenshot zum Absatz «Geschlechtsneutrale Schreibweise» der WFBB-Impressumseite vom 05.12.17; unverändert am 07.06.18
Das ist doch "nett" und zeigt, hier waren wohl Texter mit einem "tieferen semantischem Verständnis unser Sprache" am Werk!😊

Wir könnten solche Beispiele hier en masse belegen. Am meisten verwundert, dass in sehr vielen dieser Fälle Personen für die Inhalte der betreffenden Internetpräsenzen verantwortlich sind, die gemeinhin als Repräsentanten höherer Bildung gelten, wie Professoren, Privatdozenten, promovierte Akademiker (also alle mit Dr., was in deutschsprachigen Ländern nicht automatisch ein Hinweis auf Ärzte ist), sonstige Akademiker etc.
Wenn solche Personen Unsinnsaussagen wie "auf geschlechtsneutrale Differenzierung wird verzichtet, entsprechende Begriffe gelten grundsätzlich für beide Geschlechter" und anderen offensichtlichen Unsinn (siehe z. B.: Links zu anderen Webseiten ) als korrekt/akzeptabel durchgehen lassen, dürfte es nicht verwundern, wenn man den Eindruck gewinnt: "Armes Deutschland! Unsere Politiker überbieten sich förmlich seit langem und stets auf Neue in der Postulierung plakativer Forderungen wie "Mehr in Bildung investieren" (so was macht sich ja immer gut!), aber tatsächlich meint man feststellen zu können, mit der deutschen Qualität, Sorgfalt, Redlichkeit etc. geht es anscheinend bergab."

Zurück zum WFBB-Beispiel, bei dem in nur wenigen Minuten kursorischen Durchschauens weitere Fehler aufgefallen sind, siehe:
Auszug der WFBB-Impressumseite vom 05.12.17
05.12.17: Screenshot eines kleinen Teils der WFBB-Impressumseite.
08.06.18: Der Mangel der falschen Firmenbezeichnung wurde zwischenzeitlich behoben.
Die beigefügte PDF-Datei enthält die vollständigen Abbildungen der uns im Dez. 2017 aufgefallenen WFBB-Schwächen, ergänzt um die im Juni 2018 feststellbaren Korrekturen.


Zu den in der PDF-Datei abgebildeten WFBB-Auffälligkeiten: Es wird im Dezember 2017 noch eine Firmenbezeichnung erwähnt, die seit einem Jahr obsolet ist; bei der DENIC wird diese Firma noch als Domaininhaberin geführt; "AGBs" gibt es als Abkürzung im Deutschen nicht usw., siehe: Beliebte Fehler oder Plural-Akronyme und der Plural: AGB oder AGBs? FAQ oder FAQs? oder "Juristische Rechtschreibung: AGB vs. AGBs"

Diese und die anderen Mängel lassen darauf schliessen, dass bei der WFBB Qualitätsrichtlinien - so es solche geben sollte - nicht gelebt und umgesetzt werden.
Oder ironisch: Bei dieser Tochtergesellschaft des Landes Brandenburg sind anscheinend wirkliche Fachleute für die Internetpräsenz zuständig. Gratulation!

Eine solche Situation kann auf Basis dessen, was man via Internet ermittel kann, bei vielen öffentlichen Institutionen, aber auch bei privaten Unternehmen etc. festgestellt werden. Sollten wir hin und wieder Zeit finden, werden wir diese "Mißstände" (so sehen wir das) hier immer mal wieder dokumentieren.

Schon vor Wochen wurde eine WFBB-Mitarbeiterin telefonisch auf einige der Mängel hingewiesen, aber wie man es oftmals bei Mitarbeitern öffentlicher Institutionen (bzw. deren privatwirtschaftlichen Tochterunternehmen) erlebt, die Dame gab sich leicht arrogant (=> Anm. 1). Wie man sieht, wurde - nach unserem Hinweis - bis heute, 08.12.17, an den Schwächen nichts geändert.
Wer ist bei der WFBB für die Internetseiten zuständig? Es gibt einen Verweis auf den "Verantwortlichen im Sinne des § 55 Abs. 2 RStV für eigene journalistisch-redaktionelle Angebote". Folgt man dem Link, kommt man zum Profil des Genannten und liest "Teamleiter, Pressesprecher, Marketing, Kommunikation".

Man sollte erwarten dürfen, dass jemand in dieser Position sich auch um eine weitgehend fehlerfreie Internetpräsenz seines Arbeitgebers kümmert, wenn schon, wie in Anbetracht der Mängel angenommen werden kann, die Geschäftsführung nicht ausreichend darauf achtet.

Was tun? Ohne vorherigen Kontakt online die Mängel rezensieren oder auf dem kleinen "Dienstweg" telefonisch dem inhaltlich Verantwortlichen einen Hinweis auf die Mängel geben? Was würden Sie tun?

Zu beachten war, eine Kontaktaufnahme zu WFBB (zu Werbezwecken) ohne vorherige WFBB-Einwilligung ist untersagt. Hm, ich wollte zwar nicht werben, aber es könnte ja sein, dass jemand bei WFBB meinen könnte, ich als Inhaber einer IT-Unternehmensberatung würde mit einem werbenden Hintergedanken anrufen.
Ich entschied mich trotz dieser Bedenken für den "kleinen Dienstweg", das entspricht mehr meinem Naturell. Also den Herrn angerufen und gefragt, ob er für die Inhalte der Webseite verantwortlich sei. Die Antwort unterschlagen wir. Bemerkenswert war, wie der Herr ansonsten reagierte. Recht forsch meinte er, der Anrufer solle auf den Punkt kommen, denn er müsse zu einem Termin ...

Nun denn, einen solchen Ton mag der Anrufer ganz und gar nicht, erst recht nicht, wenn er den Angerufenen ohne Hintergedanken und in wohlmeinender Absicht telefonisch nur kurz auf Schwächen hinweisen wollte. Es kam somit zum Abbruch des Telefonats und zum Hinweis, der Angerufene könne sich gerne via unserer Webseite informieren.

Dass es bei vielen deutschen Unternehmen anscheinend nicht anders geht, belegen unsere in dieser Hinsicht überwiegend negativen Erfahrungen der letzten Jahre. Es gab nur sehr wenige positive Reaktionen auf "kleine Dienstweg-Kontakte"; Dankbekundungen, erst recht schriftliche, waren die ganz große Ausnahme. Über beides berichten wir bei Gelegenheit.
Mitarbeiter österreichischer bzw. schweizer Unternehmen reagieren diesbezüglich wesentlich offener und positiver. Wenn man weiß, dass es im Allgemeinen gewisse Vorbehalte gegen Deutsche gibt, waren diese Kontakte immer besonders erfreulich.

Anm. 1: Dass wir mit unserer Meinung/Erfahrung hinsichtlich manchen Mitarbeitern der öffentlichen Hand nicht alleine sind, kann man einem Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung (online 30.11.17 / Druckausgabe v. 01.12.2017) entnehmen. Die Formulierung des Herrn Kobl " ... fehlt es unserer Politik am Bewusstsein, dass es eine Frage der Höflichkeit ist, seinen Brötchengebern, also den Bürgern gegenüber, ..." gefällt mir. Den Nagel auf den Kopf trifft m. E. auch Prof. Dr. Bussiek mit seinem Leserbrief "Hier ist es wie bei Machiavelli" in der gleichen SZ-Ausgabe.